karl siegel karl siegel - künstler

 

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  eins, zwei… rompza: "sehstücke" und begriffslücke in polyvalenter beziehung

"meine arbeiten sind auf das 'sehen' ausgerichtet, sind 'sehstücke'. es ist die bildsprachlich relevante auswahl hinsichtlich des darstellens, die von mir unter dem aspekt des sehens getroffen wird. es gilt mit der natur des sehens zu arbeiten. der akt des sehens ist nicht statisch sondern vollzieht sich in bewegung. es entsprechen ihm polyvalenz der beziehungen von bildelementen, mediale doppeldeutigkeit, nicht-statische räumlichkeit, farb-form-beziehungen und offene bildformen. mehrdeutigkeit nicht eindeutigkeit ist bestimmendes prinzip."
     die vorangestellten zeilen offeriert der künstler sigurd rompza anlässlich einer ausstellung, die demnächst in bonn gezeigt wird. wer hier beim lesen etwas irritiert vermutet, dass diese sätze wohl in intellektueller formulierungsnot verfasst wurden, wird durch frühere texte, mit denen rompza immer mal wieder den versuch unternommen hat die banalität des eigenen tuns in einen philosophisch-legitimatorischen kontext zu stellen, eines anderen belehrt. der unsinn hat methode - und niemand scheint zu merken, dass genau dort, wo er den "aspekt des sehens" in den vordergrund rückt, der des begreifens in den hintergrund gerät, in "mehrdeutigkeit" aufgelöst wird. denn "sehen" ist nun einmal das, was uns direkt bestimmt. auch und gerade bei der wahrnehmung von "offenen bildformen" unterliegt es jener unmittelbarkeit, in der denken und verstehen zum problem werden, sofern sich die zu betrachtenden objekte als vielschichtig aufladbar oder beliebig interpretierbar erweisen.
     gewiss gibt es werke der tonkunst, die als "hörstücke" zur bereicherung unserer akustischen wahrnehmung ihren wohltuenden beitrag leisten. wenn nun aber mit rompza ein vertreter der konkreten kunst daherkommt und in professoraler attitüde "sehstücke" zur optischen wahrnehmung zelebriert, die in ihrer ganzen simplizität als pseudo-perspektivische figurationen zu bezeichnen sind, ist das weitaus weniger wohltuend. im gegenteil: hier ist die kritisch-reflexive betrachtung gefordert, nicht aber die in medialer "doppeldeutigkeit" schwelgende. zumal diese philosophisch frisierten binsenwahrheiten für so ziemlich alle bewegten wie auch kalkulierten bild- und formzusammenhänge ihre gültigkeit beanspruchen können, ohne dabei eine fest umrissene verknüpfung im gegenständlichen vorauszusetzen.
     in einem anderen ausstellungskontext setzt der künstler sogar noch eins drauf: er versteigt sich zu der behauptung, dass in der konkreten kunst "entscheidungen gegen das sehen, …die natur des sehens" bereits dann sinnfällig werden, wenn "mathematische operationsmodelle als formations- und transformationsregeln für geometrische elementarformen im aspekt des darstellens in den vordergrund gerückt sind", und dass sich erst bei expliziter thematisierung des sehens eine "bildsprachlich relevante auswahl hinsichtlich des darstellens" treffen lässt.
     aus derart verquerem bedingungszusammenhang, in dem das eine das andere schon insofern kategorisch ausschließt, als es nicht zum vordergründigen thema erklärt wird, und das rätselhaft bleibt, was diese "auswahl" eigentlich begründet oder ursächlich beinhaltet, kann wirklich nur unsinn resultieren. ein unsinn, der bei den werken der konkreten kunst die formalästhetische bedeutungskonstitution exakt dort unterschlägt, wo diese eine mathematische kontextualisierung beansprucht. rompza negiert also jedwede defintorische annäherung an die konstruktive kunstarbeit und liefert stattdessen interpretationsmuster zum erstaunlichen ineinandergreifen von sehen und bewegung, welche er als rezeptive prämisse auf die eigene arbeit projiziert, um sie dann im antagonismus zwischen statik und dynamik ad absurdum zu führen.
     die begriffliche dignität, die rompza in diesem zusammenhang so bedeutungslüstern zum ausdruck bringt, speist sich vornehmlich aus der in-beziehung-setzung eigener hervorbringung zu ambivalenter sprachphilosophischer aussage wittgensteinscher provenienz. seine ein- und auslassungen geraten daher zur objektspezifischen melange aus "sprachspiel" und "bildspiel", aus behauptung und zuschreibung. einer melange, die jedem erkenntnisgeleiteten interesse an mathematischen konzepten oder konstruktiven prinzipien hohn spricht und sich in beliebigen "farb-form-beziehungen" manifestiert, während sie ihm die eigene vortrefflichkeit suggeriert.
      damit mutiert schließlich auch die von rompza mit philosophischem fingerzeig zum bestimmenden prinzip erklärte "mehrdeutigkeit" zu einer eindeutigkeit von bedeutungshuberei, die für sich spricht und mit ludwig wittgenstein selbstredend in frage gestellt werden kann: "die anstrengung der philosophie muss dem kampf gegen die verhexung des verstandes durch die mittel unserer sprache gelten."
     dass rompza die mittel der eigenen sprache nicht im sinne wittgensteins einsetzt, wird insbesondere da deutlich, wo er sich aus falsch verstandener pluralität in "opposition zu formalistischen tendenzen" stellt. vorausgesetzt, ein solches opponieren wird im kunstbetrieb tatsächlich ernst genommen, wäre dem schon unter bezug auf adornos "ästhetische theorie" zu entgegnen: "die durchgeformten werke, die formalistisch gescholten werden, sind die realistischen insofern, als sie in sich realisiert sind und vermöge dieser realisierung allein auch ihren wahrheitsgehalt, ihr geistiges verwirklichen, anstatt bloß es zu bedeuten".
     bleibt zu hoffen, dass zumindest diejenigen ausstellungsbesucher, die zur kritischen betrachtung neigen, im direkten gegenüber zu rompzas "sehstücken" argumentatives stehvermögen zeigen.

 
  © k.s. | bln. 2005/edit 2019
 

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  zur exegese der kunstbetriebskunst

seit nunmehr vier jahrzehnten ist mir der kunstbetrieb auch in den tiefsten inneren produktions- und rezeptionszirkeln vertraut. immer mal wieder ergieße ich meinen hohn und spott auf das hehre hermeneutische gefasel von experten und kulturaposteln, die aus jedem noch so abwegigen gerümpel-arrangement hochgeistiges herauspressen und jedem noch so dämlichen rasterquadrat spirituelle relevanz zuschreiben. doch selbst die hartnäckigsten dekuvrierungs- und entmystifizierungsbestrebungen ignoriert der kunstbetrieb genauso beharrlich wie der vatikan die zweifel an der jungfräulichen geburt. schon deshalb erwecken die souffleure jener bedeutungshuberei, die für die gegenwartskunst so obligatorisch ist wie ansonsten nur das amen in der kirche, immer wieder aufs neue das interesse an der wohldistanzierten beobachtung.
     wer wird schon vor einem wandbild aus orthogonalen farbkästchen, einem stuhl mit fetttupfer oder einem in formaldehyd eingelegten tierkadaver derart ästhetisch ergriffen reagieren, dass er diese gegenstände umgehend erwerben möchte, wenn ihre hohe bedeutung nicht schon fest ausgemacht ist und ihre feuilletonistische verehrung nicht bereits einschlägige spalten füllen würde? gerade da erzeugt die moderne kunstkritik erstaunen: wo es ihr offenbar mühelos gelingt jedweden gemütsdekor, jedweden schwachsinn derart ins sakrosankte zu heben, dass kaum jemand es wagt zu widersprechen oder berechtigten einspruch geltend zu machen. aber genau das ist es eben!
     die moderne kunstdeutung hat eine tiefe verwandtschaft mit religiösen tabuisierungen. belange der kunst sind zu solchen des glaubens geworden und die affinitäten zwischen ästhetischer und theologischer ausdeutungskunst frappierend. kunstwissenschaftler, kuratoren und andere bezahlte postulierer reichern beliebige gegenstände oder objekte mit bedeutung derart an, laden sie mit wertungen und allerlei erhellendem so auf, als käme dies von den dingen selbst.
     aber auch künstler können diese außergewöhnliche strahlkraft entfalten, um ihren hervorbringungen den glanz des überall exemplarischen und ewig gültigen zu verleihen. dieser hermachungsprozess von kunst ist aber eben nur machination und konstrukt - also höheres marketing, das sich zuweilen auch schon mal unter der aura des renitenten offenbart.
     wie man mit hilfe von fein gedrechselten sätzen dem stupiden quadratraster magisches einverleibt, dem eingelegten hering oder dem angesammelten lebenszierrat die kunstseele einhaucht, wussten doch immer schon einige: die wandlungen von banalem brot und wein in kunsttheologisches fleisch und blut führt in den warenfetischismus, dem die kunstreligion von jeher zugetan ist. bei entsprechender konzentrierung kunstklerikaler aussagen gerät schließlich auch der ablasshandel des kunstbetriebs in bewegung und lässt vom berg höchster ästhetischer erkenntnis ein bewußtseinschaffendes werk nach dem anderen ins tal der ahnungslosen gleiten.
     erst einmal im inneren regelkreis des fetischisierenden marktsystems angelandet, fungiert das jeweilige werk höchst gedeihlich als eine art blankoscheck, in den geneigte festlegungsspezialisten oder bestellte kritiker einen stellenwert eintragen. drückt sich der zugeschriebene wert sodann in veritablen verkaufszahlen aus, ist der kunstklerus gern bereit in der karriere des künstlers die begnadung zu entdecken und schreitet fortan zur heiligsprechung. verflucht sei es, getrommelt und gepfiffen!

 
  © k.s. | bln. 2007/edit 2018
 

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